Flucht und Vertreibung (1945–1947)

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg behan­del­ten die Alli­ier­ten auf der Pots­da­mer Kon­fe­renz Deutsch­land in den Gren­zen von 1937. Das öst­lich der Oder-Neiße-Linie gele­gene Gebiet der Pro­vinz Schle­sien wurde 1945 unter pol­ni­sche Ver­wal­tung gestellt. Ent­spre­chend der getrof­fe­nen Ver­ein­ba­rung sollte die end­gül­tige Fest­le­gung der Grenze zwi­schen dem ver­ein­ten Deutsch­land und Polen einer abschlie­ßen­den Frie­dens­kon­fe­renz vor­be­hal­ten blei­ben. Nach Über­nahme der Ver­wal­tung durch pol­ni­sche Stel­len wurde die­ser grö­ßere Teil Schle­si­ens admi­nis­tra­tiv in den pol­ni­schen Staat ein­ge­glie­dert, die deut­schen Orts­na­men wur­den ent­fernt und die deut­sche Bevöl­ke­rung größ­ten­teils ver­trie­ben oder (zwangs-)polonisiert.

Briefmarke zum Gedenken an die Vertreibung 1945Ein Teil der damals 4,5 Mil­lio­nen Schle­sier floh ab Anfang 1945 vor der anrü­cken­den Roten Armee. Ab dem Früh­som­mer 1945 wurde die Ver­trei­bung der Deut­schen von pol­ni­schen Stel­len orga­ni­siert. Die hierzu erlas­se­nen Bierut-Dekrete ermög­lich­ten die Ein­zie­hung des gesam­ten beweg­li­chen und unbe­weg­li­chen Eigen­tums von Per­so­nen deut­scher Natio­na­li­tät zuguns­ten des pol­ni­schen Staa­tes. Des­we­gen wur­den im Juni 1945 alle Deut­schen aus einem Gebiets­strei­fen von etwa 30 Kilo­me­ter Breite unmit­tel­bar öst­lich der Lau­sit­zer Neiße vertrieben.

Da die neue pol­ni­sche Ver­wal­tung zu die­sem Zeit­punkt noch kei­nes­wegs gefes­tigt war, konn­ten im Som­mer 1945 jedoch auch viele geflo­hene Schle­sier zunächst wie­der in ihre Hei­mat zurück­keh­ren, bevor sie in den Jah­ren 1946 und 1947 end­gül­tig ver­trie­ben wur­den. Rund 1,2 Mil­lio­nen Deut­sche in Ober­schle­sien und etwa 150.000 in Nie­der­schle­sien ent­gin­gen der Ver­trei­bung zunächst ganz. Der Grund war im Falle der Ober­schle­sier die nicht ein­deu­tige natio­nale Iden­ti­tät (Zwei­spra­chig­keit, „schwe­ben­des Volks­tum“), im Falle der nicht ver­trie­be­nen Nie­der­schle­sier ihre Nütz­lich­keit als Fach­ar­bei­ter, ins­be­son­dere im Berg­bau um die Städte Wal­den­burg und Neu­rode. Die weit­aus meis­ten die­ser deut­schen Nie­der­schle­sier sie­del­ten in den Jah­ren 1958 bis 1960 in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus, zum klei­ne­ren Teil in die DDR. Laut der Volks­zäh­lung 2002 leben in Schle­sien 140.895 Deut­sche (1,61 % der Gesamt­be­völ­ke­rung Schle­si­ens), davon in der Woi­wod­schaft Nie­der­schle­sien 2.158 (0,074 %), in der Woi­wod­schaft Oppeln 106.855 (10,033 %) und in der Woi­wod­schaft Schle­sien 31.882 (0,672 %). Von den nicht ver­trie­be­nen Ober­schle­si­ern sind die meis­ten ab etwa Mitte der 1970er-Jahre  in die Bun­des­re­pu­blik aus­ge­wan­dert. Das Eigen­tum der geflo­he­nen und ver­trie­be­nen Deut­schen wurde im Jahre 1946 durch zwei pol­ni­sche Dekrete als „ver­las­se­nes bzw. her­ren­lo­ses Gut“ ent­schä­di­gungs­los konfisziert.

FlüchtlingeDie Zahl der Toten bei der Ver­trei­bung aus Schle­sien ist nicht exakt bekannt. Aus­weis­lich der „Gesam­ter­he­bung zur Klä­rung des Schick­sals der deut­schen Bevöl­ke­rung in den Ver­trei­bungs­ge­bie­ten“ (Mün­chen, 1964) sind 51.926 nament­lich bekannte Nie­der­schle­sier (ohne Bres­lau) nach­weis­lich „bei und als Folge der Ver­trei­bung“ ums Leben gekom­men, ein­schließ­lich 2.308 Sui­zide. Hinzu kom­men 210.923 nament­lich bekannte „unge­klärte Fälle“, davon 93.866 mit Ver­miss­ten­hin­weis und 48.325 mit Todes­hin­weis. Für Bres­lau, das geson­dert erfasst wurde, betra­gen die Zah­len: 7.488 nach­weis­lich Umge­kom­mene, davon 251 Sui­zide. 89.931 nament­lich bekannte unge­klärte Fälle, davon 37.579 mit Ver­miss­ten– und 1.769 mit Todes­hin­weis (Band II, S. 456 der Gesam­ter­he­bung). Von den Ober­schle­si­ern sind 41.632 nach­weis­lich umge­kom­men, davon 302 durch Sui­zid. Von den 232.206 nament­lich erfass­ten unge­klär­ten Fäl­len lag für 46.353 ein Ver­miss­ten– und für 2.048 ein Todes­hin­weis vor. Dies ergibt eine Gesamt­zahl von 634.106 geklär­ten Todes– und unge­klär­ten Ver­miss­ten­fäl­len im Zusam­men­hang mit der Ver­trei­bung der deut­schen Bevöl­ke­rung aus Schle­sien. Bezo­gen auf eine Gesamt­zahl von 4.592.700 Ein­woh­nern (Volks­zäh­lung 1938) ergibt dies einen Bevöl­ke­rungs­ver­lust durch geklärte Todes– und unge­klärte Ver­miss­ten­fälle von 13,8 % der Gesamt­be­völ­ke­rung. Rech­net man aus den 4.592.700 Ein­woh­nern noch die bereits im Krieg umge­kom­me­nen und die im Kriegs­ver­lauf geflo­he­nen Ein­woh­ner her­aus, so liegt der pro­zen­tuale Anteil noch weit höher. (Bild: Ver­trei­bung aus Schle­sien, Quelle: Bun­des­ar­chiv, Bild 146‑1985-021–09 / Unbe­kannt / CC-BY-SA 3.0)

Im dann pol­ni­schen Teil Schle­si­ens wur­den meist Polen aus Zen­tral­po­len und aus dem ehe­ma­li­gen Ost­po­len neu ange­sie­delt. Hinzu kamen meh­rere Zehn­tau­send der zwi­schen April und Juli 1947 im Rah­men der Aktion Weich­sel (Akcja Wisła) aus Süd­ost­po­len umge­sie­del­ten, bzw. von Polen ver­trie­be­nen Ukrai­ner, und Polen aus Bos­nien, Rumä­nien und Frank­reich, auch grie­chi­sche Kom­mu­nis­ten. Auch mehr als 100.000 pol­ni­sche Juden kamen nach Nie­der­schle­sien, die meis­ten von ihnen wan­der­ten spä­ter in den Wes­ten und nach Israel aus.

Die Gebiete Schle­si­ens, die bis zum Münch­ner Abkom­men von 1938 Bestand­teil der Tsche­cho­slo­wa­kei waren, also die durch die­ses Abkom­men an Deutsch­land gekom­me­nen sude­ten­deut­schen Gebiete des frü­he­ren Österreich-Schlesien, aber auch das Gebiet am lin­ken Ufer der Olsa mit dem West­teil von Teschen und das Hult­schi­ner Länd­chen, gehör­ten ab 1945 zur wie­der­er­ste­hen­den ČSR. Die deut­sche Bevöl­ke­rung wurde auch von hier größ­ten­teils ver­trie­ben, in der Folge sie­del­ten sich viele Tsche­chen aus dem tsche­chi­schen Lan­des­in­ne­ren, tsche­chi­sche Repa­tri­an­ten, Slo­wa­ken, Ungarn und Roma an. Der west­lich der Lau­sit­zer Neiße lie­gende Teil der Pro­vinz Nie­der­schle­sien blieb deutsch und wurde im Wesent­li­chen nach 130 Jah­ren wie­der Teil von Sach­sen. Geo­gra­fisch ist es ein Teil der Oberlausitz.


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