Neujahrsgruß des Bundesvorsitzenden
2026 — Jahr der Erinnerung und der Weichenstellung

Im Jahr 2026 erinnern wir an die Vertreibung aus Schlesien vor 80 Jahren. Zwar begannen wilde Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen bereits im Jahr 1945, der größte Teil der Schlesier wurde jedoch 1946 vielfach in Vieh- und Güterwaggons in den Westen vertrieben. Welch eine trügerische Hoffnung muss das für unsere Großeltern und Eltern gewesen sein, nach Kriegsende oft mit neu ankommenden Polen zusammenzuleben und nicht zu wissen, wie lange man noch bleiben kann – welche Zukunft die eigene Familie noch in der Heimat hat.
80 Jahre später wissen wir von vielen Geschichten und Schicksalen durch Zeitzeugenberichten, doch etliche Familienmitglieder bleiben vermisst. So viele Grausamkeiten bleiben im Dunkeln. Erst in den letzten Jahren konnten wir erfahren, wie es den Landsleuten erging, die in Schlesien bleiben durften oder mussten — im Waldenburger Land, weil man ihrer Arbeitskraft und Kompetenz im Bergbau bedurfte oder in Oberschlesien, weil die Nationalkommunisten Polens sie für „repolonisierbar“ hielten und ihnen über Jahrzehnte die Muttersprache und eigene Kultur verboten.
Nach der von der bundesdeutschen Politik geschürten vergeblichen Hoffnung, eines Tages in die Heimat zurückzudürfen, gab die friedliche Revolution wenigstens die Möglichkeit, wieder problemlos „nach Hause“ zu fahren, Landsleute wiederzusehen und den heute dort lebenden Polen zu begegnen.
Bei Landsleuten in Ost und West wuchs das Bewusstsein, das schlesische Kulturerbe als Teil eines gesamtdeutschen und europäischen Erbes zu bewahren und weiterzugeben. Während bei den Polen in Schlesien und Oberschlesien eine neue, sich auf das deutsche Schlesien beziehende Identität erwuchs, die sich selbstbewusst von der Zentralregierung in Warschau abzuheben in der Lage ist, haben im Westen und nach 1990 auch in Mitteldeutschland landsmannschaftliche Gruppen, Heimatkreise und Gemeinschaften versucht, schlesische Alltagskultur zu pflegen und an nächste Generationen weiterzureichen.
Das ist nicht überall gelungen. An vielen Orten konnten wir unsere Arbeit nicht an die Bedürfnisse der Enkel- und Urenkelgeneration anpassen. Die viel stärker bei den vertriebenen deutschen Stämmen wirkende negative Identitätspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat viel Wissen und Bewusstsein über eigene Wurzeln verloren gehen lassen.
Wie sehr uns in der Bundesrepublik dieses Bewusstsein für die eigene Kultur und der Stolz auf die eigene Identität fehlen, zeigt sich heute in einer starken Spaltung der bundesdeutschen Gesellschaft, in der fehlenden Bereitschaft, das Vaterland zu verteidigen – weil ja bereits der Begriff „Vaterland“ relativiert wurde. Wenn das Eigene und das Fremde gleichgültig sind, welchen Sinn ergibt es dann, sich für das Eigene einzusetzen?
Immerhin waren die Verbände und Landsmannschaften der deutschen Heimatvertrieben über Jahrzehnte ein Hort des Bewahrens, wo man sich einem Zeitgeist entgegenstellte, der weder die Deutsche Einheit als Ziel betrachtete noch deutsche Kultur in besonderer Weise als unterstützungswürdig ansah. Den Schwund an gesellschaftlicher Relevanz für unsere Verbände nahmen wir schmerzlich in Kauf. Zu lange haben wir hingenommen, dass die Kulturförderung nach Paragraph 96 Bundesvertriebenengesetz nur noch von wenigen Ländern und eher marginal durch den Bund in angemessener Weise betrieben wurde.
Während in Köln ein Migrationsmuseum für rund 40 Millionen Euro errichtet wird, musste im Jahr 2025 das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen-Hösel um seinen Fortbestand bangen.
Bei Licht betrachtet, ist die Gesamtförderung schlesischer, ostpreußischer, pommerscher oder sudetendeutscher Kultur in der Bundesrepublik in Höhe und Breitenwirkung der Bedeutung der Herkunftsregionen und der 15 Millionen Heimatvertriebenen, der Aussiedler und deren Nachfahren verschwindend gering.
Bund und alle Länder haben den gesetzlichen Auftrag, für dieses Erbe gemeinsam mit den betroffenen Trägerorganisationen — den Landsmannschaften — die Kultur der Ost- und Sudetendeutschen, Ungarndeutschen, Siebenbürger Sachsen, Donauschwaben oder Deutschen aus Russland zu erhalten, weiterzuentwickeln und im Bewusstsein des ganzen deutschen Volkes lebendig zu halten.
Im 80. Jahr der Vertreibung aus Schlesien gilt es politisch und organisatorisch, die Weichen für die Zukunft unserer Verbände und unserer Kultur richtig zu stellen. Wir wollen selbstbewusst als Lobbyisten für unsere Rechte eintreten. Dafür werden wir als Schlesier und Oberschlesier zusammenrücken müssen. Das gilt auch für unsere Verbände. Das gilt für alle schlesischen Heimatgruppen, Orts- und Kreisgemeinschaften; und das gilt für die Reaktivierung unserer engen Verbindung zu den verbliebenen deutschen Landsleuten in Schlesien und Oberschlesien.
Die Zeiten sind vorüber, wo jede Gruppe und Organisation ihr eigenes Süppchen kochen konnte. Um heute Aufmerksamkeit in Politik, Gesellschaft und Medien zu erlangen, müssen wir koordiniert und stark zusammenstehen. Das bedeutet nicht, im Gleichschritt zu marschieren. Viele Initiativen können sich ergänzen: kulturelle Arbeit vor Ort in Schlesien, z.B. bei Friedhofsrenovierungsaktionen, sind genauso wichtig, wie kulturelle und religiöse Veranstaltungen, die neue Interessenten anziehen im gesamten Bundesgebiet. Und selbstverständlich bedarf es gesellschaftlicher Kontakte und Netzwerke in Politik und darüber hinaus sowohl in der Republik Polen als auch in der Bundesrepublik. Die Landsmannschaft Schlesien und ihre Mitgliedsorganisationen müssen sich wieder als machtvolle Nichtregierungsorganisationen für die eigenen Belange einsetzen können.
Das neu gegründete Junge Schlesien, als Jugendorganisation aller Schlesier und Oberschlesier, kann gemeinsam mit bestehenden dynamischen Gruppen den Generationenwechsel voranbringen.
Heute erzählen wir jungen Leuten vielfach noch etwas Neues, wenn wir über schlesische Kultur, Sitte und Geschichte berichten. Künftige Generationen sollen – und dies muss unser Ziel sein — selbstverständlich aus Schule und Medien sowie Elternhäusern lernen, dass ostdeutsche Kultur im gemeinsamen Europa nicht untergegangen ist.
Bitte helfen Sie mit im neuen Jahr, unsere Landsmannschaft, ihre Mitgliedsorganisationen und die noch außerhalb unserer Gemeinschaft stehenden Gruppen, zusammenzubringen und selbstbewusst die Weichen für die Zukunft zu stellen.
Schlesien ist lebendig. Lassen Sie es uns der Welt zeigen.
Ihnen und Euch, Ihren Familien und Ihren schlesischen Initiativen und Organisationen wünsche ich ein frohes und gesegnetes neues Jahr. Mögen Zuversicht, Hoffnung sowie Freude und Begeisterung unser Leben und unsere Arbeit im Jahr 2026 begleiten.
Schlesien Glück auf!
Ihr/Euer Stephan Rauhut