Frohe Ostern von Generalsuperintendent i.R. Martin Herche
Wenn der Kirschbaum wieder blüht

Die Idee für den Ostertext [in den Schlesischen Nachrichten] hatte ich, auch die inhaltlichen Schwerpunkte. Da habe ich mich gefragt, ob die Künstliche Intelligenz bei der Weiterarbeit hilfreich sein kann. Also habe ich mit „ihr“ Inhalt und Formulierungen diskutiert. Manche Ideen der KI fand ich hilfreich. Das Ergebnis unserer Zusammenarbeit liegt nun vor Ihnen. Aber es ist klar: die volle Verantwortung für den Text liegt bei mir:
Es gibt Worte, die wie ein Echo durch die Zeiten gehen. Manche Sätze verlieren nie ihre Kraft, selbst wenn ihre ursprüngliche Bedeutung längst verblasst ist. „Auferstanden aus Ruinen“ – dieser berühmte Hymnenanfang gehört dazu. Er wurde einst geschrieben, um ein Land zu beschreiben, das nach dem Krieg in Trümmern lag. Doch wer genauer hinhört, spürt: Diese Worte erzählen weit mehr als politische Geschichte. Sie sprechen von Menschen, die aus dem Nichts neu beginnen mussten. Von Familien, die alles verloren hatten. Von Hoffnungen, die sich gegen die Verzweiflung stemmten. Sie sprechen von einer Sehnsucht, die tief im Menschen wohnt: der Sehnsucht nach einem neuen Anfang.
„Auferstanden aus Ruinen“. – Ich habe lange überlegt, ob ich diese Worte aus der untergegangenen DDR zitieren sollte. 1949 hatten ihr Präsident Wilhelm Pieck und das Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei den Dichter Johannes R. Becher aufgefordert, eine Nationalhymne für die DDR zu schreiben. Doch Becher schrieb die Hymne nicht allein für diesen von den einen hochgejubelten, von den anderen lange Zeit mit Nichtanerkennung gestraften Teilstaat, sondern als Hymne, die in Ost und West gleichermaßen gesungen werden könnte. Nicht nur das „einig Vaterland“ besingt er, sondern sogar „heilig Vaterland“ heißt es in einer der überlieferten Fassungen. So wurde der Text der Hymne, den ich in den 1960er Jahren in der Grundschule noch auswendig lernte, später über Jahrzehnte in der DDR verschwiegen und nicht mehr gesungen; nur die Melodie erklang. Die Worte galten als politisch unerwünscht, weil sie von Einheit und Zukunft sprachen. Erst 1989, in den Wochen der friedlichen Revolution, „auferstand“ der Text wieder – als Ausdruck der Hoffnung auf Freiheit und Erneuerung, als Wunsch und Wille zur Einheit unseres Vaterlandes. In diesem Licht bekommt die Zeile für mich eine Tiefe, die weit über ihre Entstehungszeit hinausreicht.
„Auferstanden aus Ruinen“ – Für viele Schlesierinnen und Schlesier, die 1945 und 1946 ihre Heimat verloren, waren diese Worte Lebenswirklichkeit. Mancher, der diese Zeilen liest, war dabei, hat diese Zeit selbst erlebt und erlitten – und so viele, deren irdischer Lebensweg sich längst vollendet hat. Sie kamen aus Dörfern und Städten, deren Namen heute anders klingen, aber im Herzen weiterleben: aus Breslau, aus Liegnitz, aus Hirschberg, aus Waldenburg, aus Oppeln, aus kleinen Orten im Riesengebirge oder im schlesischen Flachland. Sie kamen mit dem, was sie tragen konnten – und mit dem, was sie im Herzen trugen: Erinnerungen an vertraute Wege, an Höfe und Häuser, an Kirchen und Feste, an Sprache und Lieder, an die Landschaft, die sie geprägt hatte.
Auch in meiner eigenen Familie trägt diese Geschichte ein konkretes Gesicht. Das ehemalige Vorwerk am Bunzlauer Odeonsteich gehörte über Jahrhunderte meinen Vorfahren. Ein Ort, an dem Generationen gelebt, gearbeitet, geglaubt und gehofft haben. Ein Ort, an dem Kinder spielten, an dem Ernten eingebracht wurden, an dem Feste gefeiert und Sorgen geteilt wurden. Ein Ort, der nicht nur Besitz war, sondern Heimat – mit all dem, was dieses Wort im schlesischen Herzen bedeutet. Meine Mutter, meine Großmutter haben uns Kindern oft davon erzählt.
Als der schreckliche Krieg 1945 nach Bunzlau kam, musste auch mein Urgroßvater aus seiner geliebten Vaterstadt ausziehen. Zurück blieb der vertraute Ort, der Stammsitz der Teichseidels. Haus und Hof, die Wege, die Felder, die vertrauten Mauern – alles musste losgelassen werden. Doch blieb etwas, das niemand nehmen konnte: die Erinnerung an den leisen Klang der Wellen auf dem Odeonsteich, an die Kirche, in er getauft, konfirmiert und getraut worden war, an die Jahreszeiten, die über das Land gingen, an die Kirschbäume, die im Frühling weiß aufleuchteten wie ein stilles Versprechen. Diese Erinnerungen wurden zu einem inneren Schatz, der mitgenommen wurde in die Fremde, in die Ungewissheit, in den Neuanfang. Damals in Thüringen.
In der DDR aber war das Thema Vertreibung tabu. Wer dort gelebt hat, weiß: Die Geschichten der schlesischen Familien fanden keinen Platz im öffentlichen Gedächtnis. Es gab keine Heimattreffen, keine Vereine und offiziellen Räume, in denen man über das Geschehene sprechen konnte. Wenn überhaupt, wurde im kleinen Kreis darüber gesprochen – in der Familie, unter vertrauten Freunden, hinter geschlossenen Türen. Die Erinnerung überlebte leise, aber sie überlebte. Längst dürfen diese verschwiegenen Geschichten wieder erzählt werden und im Licht der Osterbotschaft eine neue Würde gewinnen. Es freut mich, wenn junge Menschen danach fragen.
Die Schlesier kamen wie alle Geflüchteten und Vertriebenen in ein zerstörtes Deutschland, in Städte voller Schutt, in Dörfer, die kaum Platz für die eigenen Bewohner hatten. Doch: so viele heimatlos Gewordene brachten etwas mit, das stärker war als jede Not: die Fähigkeit, wieder aufzustehen. Die Kraft, aus Ruinen Leben zu bauen. Die Hoffnung, dass Zukunft möglich ist, selbst wenn die Vergangenheit zerbrochen ist. Viele von ihnen haben nie wieder die Heimat gesehen, aus der sie vertrieben wurden. Aber sie haben Heimat neu geschaffen – in Sachsen, in Thüringen, in Bayern, in Niedersachsen, überall dort, wo sie ankamen. Sie haben Häuser gebaut, Familien gegründet, Traditionen bewahrt und weitergegeben. Sie haben gelernt, dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern ein Stück Seele.
Sind die Geschichten der Vertriebenen nicht wie kleine Ostern? Sie erzählen davon, dass Menschen Wege finden, wo keine Wege mehr sind. Dass sie Heimat schaffen, wo sie keine mehr haben. Dass sie Licht entzünden, wo Dunkelheit herrscht. Sie erinnern daran, dass Auferstehung eine Erfahrung ist, die Menschen immer wieder machen – mitten im Alltag, mitten im Leben.
In diese Lebenslandschaft hinein klingt der Satz aus der Offenbarung des Johannes: „Siehe, ich mache alles neu.“ Es ist eine der großen Verheißungen der Bibel. Kein billiger Trost, kein frommer Wunsch, sondern eine Zusage Gottes selbst. Eine Zusage, die nicht nur die Welt meint, sondern jeden einzelnen Menschen. Gott sagt nicht: „Ich helfe euch ein bisschen beim Aufräumen.“ Er sagt: „Ich mache alles neu.“ Das ist radikal. Das ist gewaltig. Es ist zutiefst österlich.
Denn Ostern beginnt nicht im Licht, sondern im Dunkel. Nicht im Jubel, sondern im Schweigen. Nicht im Leben, sondern im Grab. Ostern beginnt dort, wo alles zu Ende scheint. Dem Auferstehungsfest geht der schreckliche Karfreitag voraus. Die Stunde, in der Jesus nach biblischer Überlieferung sich ganz gottverlassen fühlte. So, wie in den Kriegswirren, wie in der Katastrophe von Flucht und Vertreibung sich wohl viele gefühlt haben mögen. Für manche war es das Ende ihres Gottesglaubens. Doch andere haben genau in jener Notzeit in besonderer Weise Gottes Nähe erfahren, seinen Trost und seine Hilfe. Haben es erfahren, dass Gott neues Leben hervorruft, wo keines mehr möglich scheint. Dass er Wege eröffnet, die kein Mensch mehr sieht. Zukunft schenkt, wo die Vergangenheit alles überschattet. Ja, dass auch für alle, die nicht mehr glauben konnten, das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Ich jedenfalls möchte Gottes erneuernde Kraft in Zeit und Ewigkeit nicht unterschätzen.
Für mich ist es kein Zufall, dass Ostern in die Zeit fällt, in der die Natur selbst zu predigen beginnt. Wenn die ersten Knospen aufbrechen, wenn die Luft nach Frühling riecht, wenn das Licht länger bleibt, dann spüren wir etwas von dem, was Ostern meint. Dann steht da plötzlich ein Bild, das alles zusammenbindet: der blühende Kirschbaum.

Für viele Schlesier ist der Kirschbaum mehr als ein Baum. Er ist Erinnerung. Er ist Heimat. Er ist ein Stück Kindheit. In vielen schlesischen Dörfern standen Kirschbäume an den Wegen, in den Gärten, auf den Feldern. Sie blühten früh und üppig, und ihre weißen Blüten waren wie ein Versprechen: Der Winter ist vorbei. Das Leben kehrt zurück. Robert Sabel, der schlesische Mundartdichter und Schriftsteller, hat dieses Bild in seinem Gedicht „Der Kerschboom blüht“ festgehalten.
Der Kerschboom blüht! – Tragen diese Worte nicht eine ganze Welt in sich? Der Kirschbaum blüht – und mit ihm blüht die Hoffnung!
Es ist ein schlichtes Bild, beinahe unscheinbar. Und doch ist es ein Evangelium in Blütenform. Denn wenn der Kirschbaum blüht, geschieht das Unfassbare: Aus kahlem Holz bricht neues Leben hervor. Aus dem, was tot schien, wird Schönheit. Aus Winter wird Frühling. Aus Karfreitag wird Ostern.
Der blühende Kirschbaum ist ein stiller Zeuge der Auferstehungskraft Gottes. Er steht da, ohne Worte, und sagt doch alles: dass das Leben stärker ist als der Tod. Dass Hoffnung stärker ist als Angst. Dass Licht stärker ist als jede Finsternis. Dass Gott selbst der Gärtner ist, der in den Ruinen unseres Lebens neue Knospen treibt.
Ob Ihr das damals gespürt habt, wenn Ihr im Frühling die ersten Blüten saht? Ihr, die Ihr neu anfangen musstet damals vor 80 Jahren? Wir Nachgeborenen können es nur bewundern, dass Ihr Kraft gefunden habt weiterzugehen, zu bauen, zu glauben. Vielleicht können wir heute von Euch lernen, was es heißt, aus Ruinen aufzustehen.
Denn auch wir kennen unsere Brüche. Unsere Verluste. Unsere inneren Trümmerfelder. Manchmal sind es zerbrochene Beziehungen. Manchmal enttäuschte Hoffnungen. Manchmal Ängste, die uns den Blick verstellen. Manchmal Wunden, die wir nicht zeigen. Jeder Mensch trägt seine eigenen Ruinen mit sich. Jeder Mensch sehnt sich danach, dass jemand sagt: „Du musst nicht darin bleiben.“
Ostern sagt genau das. Ostern sagt: Es gibt einen, der dich sieht. Einen, der dich ruft. Einen, der dir Zukunft schenkt. Einen, der spricht: „Siehe, ich mache alles neu.“ Nicht irgendwann. Nicht vielleicht. Sondern jetzt. Heute. In deinem Leben.
So kann es geschehen, dass die Sonne – „schön wie nie“ – nicht nur über einem Land, sondern über einem einzelnen Menschen aufgeht.
Dass ein Herz wieder zu hoffen beginnt.
Dass ein Mensch wieder aufsteht.
Dass ein Leben neu erblüht.
Vielleicht leise.
Vielleicht ganz unscheinbar.
Vielleicht genau in dem Moment, in dem jemand sagt:
Der Kirschbaum blüht.
In dieses Aufblühen klingen Worte, die uns verbinden –
so unterschiedlich wir sind,
Worte unserer Hymne,
die tragen und zusammenführen:
Einigkeit und Recht und Freiheit.
Ja, denke ich:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe deutsches Vaterland.
Es klingt für mich wie ein österliches Segenswort,
das uns zuversichtlich, dankbar und mit Mut in die Zukunft gehen lässt.