Wir sind Schlesien. Von Stephan Rauhut

Stephan Rauhut

Ste­phan Rau­hut, Bun­des­vor­sit­zen­der

Der Beginn eines neu­en Jah­res gibt uns stets die Mög­lich­keit zurück zu bli­cken und noch ein­mal dar­auf zu schau­en, was wir erreicht haben, wo genau wir ste­hen und – was zu oft ver­ges­sen wird – vor­aus­zu­schau­en, auf das, was ansteht und was genau wir errei­chen wol­len.

Jahr­zehn­te­lang mach­te sich in unse­rer Gemein­schaft kaum jemand wir­kungs­voll Gedan­ken, wie es mit der Lands­mann­schaft Schle­si­en wei­ter­ge­hen soll, wenn die Erleb­nis­ge­nera­ti­on von Flucht und Ver­trei­bung ein­mal nicht mehr unter uns ist. Als wir die Fol­gen erleb­ten und mit anse­hen muss­ten, wie eine Hei­mat­grup­pe und lands­mann­schaft­li­che Grup­pe nach der ande­ren ihr Dasein auf­gab, dach­ten vie­le von uns, es sei zu spät. Sie glaub­ten nicht, dass es wei­ter­ge­hen könn­te, und gaben auf. Man­cher sah es als klu­ge Stra­te­gie an, durch mar­ki­ge aber ins Lee­re gehen­de Sprü­che wie­der für etwas mehr Auf­merk­sam­keit zu sor­gen, wie sie zu frü­he­ren Jahr­zehn­ten in der über­re­gio­na­len Pres­se durch­aus üblich war.

Unse­rem Anse­hen in Poli­tik und Gesell­schaft hat die­ses Ver­hal­ten sehr gescha­det. Jün­ge­re Mit­glie­der waren kaum zu begeis­tern, sich in unse­ren Rei­hen zu enga­gie­ren.

Neben den finan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten, die bei­na­he zum Unter­gang unse­res Bun­des­ver­ban­des geführt hät­te, galt es in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren, Ver­trau­en zurück zu gewin­nen, sowohl gegen­über der rest­li­chen bun­des­deut­schen Gesell­schaft als auch nach innen bei unse­ren Mit­glie­dern und Mit­strei­tern.

Nach dem Deutsch­land­tref­fen der Schle­si­er 2013 gin­gen nicht weni­ge davon aus, dass sie das letz­te Tref­fen die­ser Art erlebt hat­ten. Die finan­zi­el­len Ver­lus­te waren enorm und der dama­li­ge geschäfts­füh­ren­de Bun­des­vor­stand brach aus­ein­an­der. Ein neu­er Auf­bruch und ein per­so­nel­ler Neu­be­ginn wur­den von Anfang an tor­pe­diert.

Nun gehen wir in die­sem Jahr auf das drit­te Deutsch­land­tref­fen der Schle­si­er nach dem Umbruch zu mit dem Schwung und der Kraft aus der Gemein­schaft und der Begeis­te­rung der bei­den ver­gan­ge­nen Tref­fen in den Jah­ren 2015 und 2017. Man­cher war skep­tisch was die Leit­sprü­che die­ser Tref­fen „Gemein­sam für Schle­si­en“ und „Schle­si­en begeis­tert“ betraf und doch kön­nen wir in bei­na­he jeder Hin­sicht heu­te fest­stel­len: sie haben gewirkt. Vie­le von Ihnen und Euch haben sich anste­cken las­sen und die Begeis­te­rung wei­ter­ge­tra­gen. Wir haben deut­lich bes­ser wirt­schaf­ten kön­nen, und wir konn­ten trotz finan­zi­ell sehr begrenz­ter Mit­tel neue Maß­stä­be set­zen. Es gibt wie­der Grup­pen, die wach­sen, und es gibt Neu­grün­dun­gen von lands­mann­schaft­li­chen Grup­pen.

Mei­ne Vor­stands­kol­le­gen und ich, wir geben uns damit noch nicht zufrie­den. Wir arbei­ten nach dem Grund­satz: Wer auf­ge­hört hat bes­ser zu wer­den, hat auf­ge­hört gut zu sein.

Unter dem Mot­to „Wir sind Schle­si­en“ gehen wir in das Jahr 2019 mit völ­lig neu­en Her­aus­for­de­run­gen und mit deut­lich mehr Rücken­wind durch Sie und Euch, unse­re Mit­glie­der, Lands­leu­te und Freun­de sowie auch durch die Regie­rungs­mehr­heit in unse­rem Paten­land Nie­der­sach­sen. Im Dezem­ber hat der nie­der­säch­si­sche Land­tag den ers­ten Schritt zur Erfül­lung des Koali­ti­ons­ver­tra­ges unter­nom­men und wird unse­re Arbeit finan­zi­ell erst­mals wie­der seit 1990 in nen­nens­wer­ter Höhe mit Per­spek­ti­ve auf eine dau­er­haf­te För­de­rung unter­stüt­zen. Unse­re inten­si­ve poli­ti­sche Arbeit und Kon­takt­pfle­ge zu allen poli­ti­schen Par­tei­en tra­gen nun ers­te Früch­te. Wir sind den nie­der­säch­si­schen Steu­er­zah­lern, Par­la­men­ta­ri­ern und nicht zuletzt der Lan­des­re­gie­rung dafür dank­bar, obwohl wir wis­sen, dass ein wesent­li­cher Teil des nie­der­säch­si­schen Steu­er­auf­kom­mens auf die hun­dert­tau­sen­den ver­trie­be­nen oder aus­ge­sie­del­ten Schle­si­er und deren Nach­kom­men zurück­zu­füh­ren ist. Und natür­lich war die Erwar­tungs­hal­tung unse­rer Mit­glie­der auf­grund des Auf­tra­ges durch das Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­setz und auf­grund des wie­der­hol­ten Paten­schafts-Bekennt­nis­ses des Lan­des Nie­der­sach­sen enorm hoch. Als Bun­des­vor­stand wer­den wir alles dafür tun, dass sich die­se För­de­rung ver­ste­tigt und in den kom­men­den Jah­ren aus­ge­baut wird.

Im föde­ra­len Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist Kul­tur Län­der­sa­che. Wir Schle­si­er haben mit unse­rem Paten­land Nie­der­sach­sen unse­ren Haupt­an­sprech­part­ner. Schle­si­sche Kul­tur und Lebens­art ist Teil des gesamt­deut­schen Kul­tur­er­bes und geht des­halb alle etwas an.

In Nie­der­sach­sen wer­den wir in die­sem Jahr eine Prä­senz unse­rer Bun­des­ge­schäfts­stel­le eröff­nen, die für grenz­über­schrei­ten­de Pro­jek­te nach Schle­si­en eben­so ein neu­er Aus­gangs­punkt sein wird wie für die Unter­stüt­zung der Lan­des­grup­pe unse­rer Lands­mann­schaft Schle­si­en, neue Struk­tu­ren auf­zu­bau­en und alte zu erhal­ten. Wir wol­len in der brei­ten Gesell­schaft wie­der selbst­ver­ständ­lich prä­sent sein und posi­tiv wahr­ge­nom­men wer­den. Und wir wol­len der wesent­li­che Ansprech­part­ner wer­den für alle, die sich für Schle­si­en als die­se wun­der­ba­re Regi­on mit­ten in Euro­pa inter­es­sie­ren und sich auf die Suche nach ihren eige­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln machen. Hei­mat und Iden­ti­tät sind zwei Begrif­fe, die wir in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten nie auf­ge­ge­ben haben. Heu­te haben sie wie­der Kon­junk­tur, und wir wer­den sie mit Inhalt fül­len.

Im Jahr 2019 wird sich auch ent­schei­den, ob und wie wir es schaf­fen, dass alle schle­si­schen Orga­ni­sa­tio­nen inklu­siv der bei­den schle­si­schen Lands­mann­schaf­ten zusam­men­ge­hen kön­nen in einer gemein­sa­men demo­kra­ti­schen Ver­tre­tung aller Schle­si­er, um letzt­lich stär­ker und gemein­sam für unse­re Inter­es­sen gegen­über Bund und Län­dern sowie auch in Polen auf­tre­ten zu kön­nen. Gemein­sam kön­nen wir mehr errei­chen, für die Schle­si­er in der Bun­des­re­pu­blik und für unse­re ver­blie­be­nen Lands­leu­te in Schle­si­en. Der Erhalt und die Wei­ter­ent­wick­lung ihrer Kul­tur und vor allem der deut­schen Mut­ter­spra­che in Schle­si­en ist heu­te noch immer die ent­schei­den­de Auf­ga­be.

Die gemein­sa­men Bun­des­vor­stands­sit­zun­gen unse­rer Lands­mann­schaft mit der Lands­mann­schaft der Ober­schle­si­er geben dafür eben­so Grund zur Hoff­nung, wie auch die guten Gesprä­che mit dem Minis­ter­prä­si­den­ten Nord­rhein-West­fa­lens, des Paten­lan­des der Ober­schle­si­er, Armin Laschet.

Wenn wir gemein­sam die Lan­des­grup­pen unse­rer Lands­mann­schaf­ten über­zeu­gen, dass jede Grup­pe ihre Eigen­hei­ten und gewach­se­nen Tra­di­tio­nen bei­be­hal­ten kann, bin ich sicher, dass wir im Jahr 2020 eine star­ke Lands­mann­schaft aller Nie­der- und Ober­schle­si­er schaf­fen kön­nen. Bereits in die­sem Jahr kann unser Deutsch­land­tref­fen der Schle­si­er ein ech­tes gemein­sa­mes Tref­fen aller Ober- und Nie­der­schle­si­er sein.

Auch unse­re Prä­senz im bun­des­deut­schen Teil Schle­si­ens im Frei­staat Sach­sen wer­den wir in die­sem Jahr ver­ste­ti­gen. Der Gör­lit­zer und sich als Schle­si­er beken­nen­de Minis­ter­prä­si­dent des Frei­staa­tes Sach­sen, Micha­el Kret­sch­mer, hat uns dafür sehr gute Signa­le der Unter­stüt­zung gege­ben. Beson­ders in Gör­litz und der nie­der­schle­si­schen Ober­lau­sitz sehen wir ein sehr gro­ßes Poten­ti­al für neue star­ke Mit­glie­der­struk­tu­ren. Außer­dem ist die Nähe zu unse­ren schle­si­schen Lands­leu­ten in der Hei­mat grö­ßer, wodurch die Stadt und die Regi­on ent­schei­dend prä­gen­de Ver­an­stal­tun­gen durch Schle­si­er von die­ser und der ande­ren Sei­te der Nei­ße erhal­ten wird.

Die Stär­kung der schle­si­schen Kom­pe­tenz beson­ders hin­sicht­lich kul­tu­rel­ler Fra­gen war im ver­gan­ge­nen Jahr Teil unse­rer Stra­te­gie. So konn­ten wir das Schle­si­sche Muse­um zu Gör­litz dabei unter­stüt­zen, dass die Stif­tung Kul­tur­werk Schle­si­en aus Würz­burg mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nebst ihrer renom­mier­ten Biblio­thek in die­sem Jahr nach Gör­litz umzie­hen wird. Und natür­lich steht der Plan wei­ter­hin, dass wir mit unse­rer Mit­glieds­or­ga­ni­sa­ti­on „Gemein­schaft evan­ge­li­scher Schle­si­er“ und wei­te­ren schle­si­schen Orga­ni­sa­tio­nen eine Büro­ge­mein­schaft als stän­di­ge Prä­senz anstre­ben.

Sie sehen, wir haben vie­les erreicht und ange­sto­ßen. Die Lands­mann­schaft Schle­si­en hat wie­der eine Lang­frist­stra­te­gie, mit der sie die kom­men­den Jahr­zehn­te auch mit ande­ren gro­ßen Lands­mann­schaf­ten wie­der auf Augen­hö­he ste­hen kann und ein gefrag­ter, moder­ner Ansprech­part­ner für alle Tei­le der Gesell­schaf­ten in Deutsch­land und Euro­pa sein wird.

„Wir sind Schle­si­en“ heißt das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Schle­si­er­tref­fens auch des­halb, weil wir Sie und Euch alle für die Umset­zung die­ser Stra­te­gi­en brau­chen. Erfolg haben wir nur gemein­sam!

In die­sem Sin­ne wün­sche ich Ihnen und Ihren Fami­li­en ein gesun­des und begeis­tern­des Jahr 2019.
Wir sehen uns spä­tes­tens in Han­no­ver!

Schle­si­en Glück auf!
Schle­si­en begeis­tert!
Wir sind Schle­si­en!


ps Pres­se­dienst Schle­sien Nr. 10/2018
Pres­se­in­for­ma­tio­nen der Lands­mann­schaft Schle­sien — Nie­der– und Ober­schle­sien e.V.
Bun­des­ge­schäfts­füh­rung: Dol­len­dor­fer Str. 412, 53639 Königs­win­ter
Tel.: (02244) 9259–0, Fax: (02244) 9259–290
E-Mail: presse@landsmannschaft-schlesien.de

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