Die Volksabstimmung in Oberschlesien 1921

AbstimmungskarteSchon wäh­rend des Krie­ges setzte unter den in Ober­schle­sien leben­den pol­ni­schen Arbei­tern eine leb­hafte Pro­pa­ganda für die Tren­nung Ober­schle­si­ens vom Deut­schen Reich und für eine Ver­ei­ni­gung mit dem wie­der ent­ste­hen­den Polen ein. Erste Keime eines pol­ni­schen Natio­na­lis­mus in Ober­schle­sien ent­stan­den um die Jahr­hun­dert­wende, als man etwa 70 000 Polen aus Gali­zien und Kon­gress­po­len als bil­lige Arbeits­kräfte in das ober­schle­si­sche Indus­trie­ge­biet holte. In fast allen Land­krei­sen und grö­ße­ren Städ­ten ent­stan­den eine Reihe  pol­ni­scher Ver­eine, die zwar anga­ben, apo­li­ti­sche Ziele zu ver­fol­gen, jedoch für eine bis­her in Ober­schle­sien unbe­kannte pol­ni­sche Idee war­ben. Die sich her­aus­bil­dende Intel­li­genz­schicht der zuge­wan­der­ten Polen, beste­hend aus Ärz­ten, Rechts­an­wäl­ten, Kauf­leu­ten und katho­li­schen Geist­li­chen, hat­ten sich zum Ziel gesetzt nicht nur  polnisch-nationales Gedan­ken­gut zu ver­brei­ten, son­dern auch Ober­schle­sien von Deutsch­land zu lösen. Diese Agi­ta­tion ver­stärkte sich nach dem Aus­gang des Ers­ten Welt­krie­ges, als 1919 pol­ni­sche Poli­ti­ker Ansprü­che auf deut­sches Staats­ge­biet stell­ten, gestützt auf die berühm­ten 14 Punkte  des US-Präsidenten Wil­son. Das besiegte Deutsch­land hatte sich durch einen selbst­ver­nich­ten­den Par­tei­en­streit hand­lungs­un­fä­hig gemacht und schenkte Ober­schle­si­ens kaum Beach­tung. (Foto: Abstim­mungs­karte)

Am 07. Mai 1919 über­gab der fran­zö­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Clé­men­cau der deut­schen Dele­ga­tion in Ver­sailles die Frie­dens­be­din­gun­gen: „Polen erhält ganz Ober­schle­sien mit eini­gen Gebie­ten Mit­tel­schle­si­ens, die Pro­vinz Posen und Teile von West­preu­ßen mit Dan­zig sowie von der Pro­vinz Ost­preu­ßen den Kreis Sol­dau“. Das Hult­schi­ner Länd­chen sollte der Tsche­cho­slo­wa­kei zuge­spro­chen werden.

Abstimmungsplakat-OSIn Abwehr der immer lau­ter wer­den­den pol­ni­schen Anne­xi­ons­an­sprü­che schloss sich auf Initia­tive der Indus­trie– und andels­kam­mer 1919 die deut­sche Bevöl­ke­rung in der „Freien Ver­ei­ni­gung zum Schutze Ober­schle­si­ens“ und spä­ter im „Ver­band Hei­mat­treuer Ober­schle­sier“ zusam­men. Ein Sturm der Empö­rung und Ent­rüs­tung war die mutige Ant­wort der Ober­schle­sier auf die pol­ni­schen Ansprü­che. Aller­orts fan­den Pro­test­kund­ge­bun­gen statt: An der Kund­ge­bung in Oppeln betei­lig­ten sich über 20 000 Men­schen, die vor­nehm­lich von den Arbeit­neh­mern geprägte Kund­ge­bung in Kat­to­witz beein­druckte selbst die anwe­sen­den ame­ri­ka­ni­schen und eng­li­schen Mili­tärs und Jour­na­lis­ten. Die uner­war­tete starke Abwehr der alt­ein­ge­ses­se­nen deut­schen Bevöl­ke­rung gegen die beab­sich­tigte Ver­let­zung des Selbst­be­stim­mungs­rech­tes der Völ­ker ver­an­lasste die Sie­ger­mächte zur Durch­füh­rung einer Volks­ab­stim­mung in Ober­schle­sien. (Foto: Abstim­mung­pla­kat Ober­schle­sier 1921)

Der schar­fen Reak­tion der Deut­schen auf die Wah­rung des Selbst­be­stim­mungs­rechts blieb die pol­ni­sche Bewe­gung nichts schul­dig. Pol­ni­sche bewaff­ne­ten Grup­pen, unter Füh­rung des von der pol­ni­schen Min­der­heit gewähl­ten ehe­ma­li­gen Mit­glieds des Deut­schen Reichs­ta­ges Woj­ciech (Albert) Kor­fanty began­nen die deut­sche Bevöl­ke­rung durch Ter­ror und leere Ver­spre­chun­gen, die sehr oft auch von den Kan­zel ver­kün­det wur­den, für die pol­ni­sche Sache zu gewin­nen. Um die beab­sich­tigte Abstim­mung durch voll­en­dete Tat­sa­chen unmög­lich zu machen, wurde in der Nacht vom 16./17. August 1919 der „erste pol­ni­sche Auf­stand“ – auch „Über­fall“ genannt – aus­ge­ru­fen. Die­ser wurde bis zum 25. August 1919 vor allem durch den deut­schen Grenz­schutz und von der Reichs­wehr nie­der­ge­schla­gen. Am 11. Februar 1920 wurde die Ver­wal­tungs­macht in Ober­schle­sien, das am 08. Novem­ber 1919 zu einer selb­stän­di­gen Pro­vinz erklärt wurde, der „Inte­r­al­li­ier­ten Kom­mis­sion für Regie­rung und Abstim­mung“ über­tra­gen. Die Reichs­wehr musste das Abstim­mungs­ge­biet räu­men, die Poli­zei wurde in Abstim­mungs­po­li­zei („Apo“) umor­ga­ni­siert, das Abstim­mungs­ge­biet vom übri­gen Reichs­ge­biet abge­rie­gelt, wobei es gegen­über Polen offen blieb.

Mit stil­ler Dul­dung der fran­zö­si­schen Besat­zungs­macht, die Eng­län­der und Ita­lie­ner ver­hiel­ten sich neu­tral, übten pol­ni­sche Insur­gen­ten Gewalt­ta­ten aus. Vor den Augen der alli­ier­ten Besat­zungs­macht brach am 20. August 1920 der zweite pol­ni­sche Auf­stand aus. Ziel die­ser bewaff­ne­ten Ein­mi­schung war die deut­schen Orga­ni­sa­tio­nen zu zer­schla­gen, die Abstim­mungs­po­li­zei zu ent­waff­nen und pol­ni­sche Bür­ger­weh­ren ein­zu­set­zen und Natio­na­li­tä­ten­hass zu schü­ren und die deut­sche Bevöl­ke­rung ein­zu­schüch­tern. Es war auch ein Schlag gegen die Auto­ri­tät der Besat­zungs­macht, die für eine „Ära der Gerech­tig­keit und Frei­heit“ stand. Der Auf­stand schei­terte jedoch am Wider­stand der inzwi­schen gebil­de­ten deut­schen Selbst­schutz­ver­bände. Der hier­durch mas­siv erzeugte Druck machte sich beson­ders in der länd­li­chen Gegend bemerk­bar. Zu allem Übel wurde die deut­sche Sicher­heits­po­li­zei, die wäh­rend die­ser Aus­ein­an­der­set­zung einen hel­den­haf­ten Wider­stand leis­tete, am 24. August 1920 auf­ge­löst und die ent­waff­ne­ten Ange­hö­ri­gen in Reich­sin­nere abge­scho­ben. Am 12. Novem­ber 1920 erging eine Amnes­tie für alle pol­ni­schen Auf­stands­be­tei­lig­ten, ohne dass die began­ge­nen Gewalt­ta­ten geahn­det wurden.

Am 23. Februar 1921 legte man den Ter­min der Volks­ab­stim­mung auf den 20. März 1921 fest. Die Abstim­mung war ein Erfolg für die deut­sche Seite: 60 Pro­zent stimm­ten für Deutsch­land und 40 Pro­zent für Polen. Die Behaup­tung vom pol­ni­schen Cha­rak­ter Ober­schle­sien wurde widerlegt.

Nach dem für Polen ungüns­ti­gen Abstim­mungs­er­geb­nis for­derte der Agi­ta­tor Kor­fanty seine pol­ni­sche Gefolg­schaft auf, Ober­schle­sien mit Waf­fen­ge­walt zu beset­zen. In der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1921, dem pol­ni­schen Natio­nal­fei­er­tag, wurde der dritte, sehr gut vor­be­rei­tete,  Auf­stand aus­ge­ru­fen. Plan­mä­ßi­ger Ter­ror, Morde, Brand­stif­tun­gen, Bom­ben­at­ten­tate, Erpres­sun­gen und bru­tale Miss­hand­lun­gen kenn­zeich­ne­ten die­sen Über­fall. Am 21. Mai 1921 erstürmte der deut­sche Selbst­schutz den Anna­berg. Die am 26. Mai 1921 ein­ge­trof­fe­nen eng­li­schen Trup­pen erzwan­gen einen Waf­fen­still­stand.  Mit dem Gen­fer Schieds­spruch und dem Beschluss der Pari­ser Bot­schaf­ter­kon­fe­renz vom 20. Okto­ber 1921 wurde die Tei­lung Ober­schle­sien fest­ge­setzt und am 15. Mai 1922 durch das Gen­fer Abkom­men für Ober­schle­sien beschlos­sen. Es war eine arge Ent­täu­schung für das ganze deut­sche Volk, beson­ders aber für die Ober­schle­sier. Am 15. Juni 1922 wurde die neue Grenze mit­ten durch das ober­schle­si­sche Land gezo­gen.  Die Ent­schei­dung und die Grenz­zie­hung wider­spra­chen jeg­li­chem Rechts­emp­fin­den, jeder rea­len Aus­le­gung des Rech­tes auf Selbst­be­stim­mung der Völ­ker, es war eine Kapi­tu­la­tion der inter­na­tio­na­len Wer­te­ge­mein­schaft vor dem Natio­na­lis­mus. Ober­schle­sien und der deut­sche Osten erhielt seine „blu­tende Grenze“. Ober­schle­sien wurde zum „Land unterm Kreuz“.

Am 30. Mai 1922 legte der Deut­sche Reichs­tag in einer Son­der­sit­zung durch den Reichs­mi­nis­ter Schif­fer „Rechts­ver­wah­rung gegen die Ent­schei­dung über Ober­schle­sien“ ein. Der ober­schle­si­sche Abge­ord­nete, Tho­mas Szc­ze­po­nik, stellte in aller Deut­lich­keit fest: „Der Völ­ker­bunds­rat hat den Wil­len der deut­schen Mehr­heit miss­ach­tet und den leben­den Orga­nis­mus Ober­schle­si­ens zer­ris­sen. Über 400 000 deutsch füh­lende Bewoh­ner wer­den durch die will­kür­lich gezo­gene Grenze zu pol­ni­schen Staats­bür­gern gemacht. Wir wer­den unsere staats­bür­ger­li­chen Pflich­ten erfül­len, aber unser deut­sches Volks­tum wer­den wir nicht auf­ge­ben. Unsere Zuge­hö­rig­keit kann uns kein Macht­spruch aus dem Her­zen reißen.“

 Damian Spielvogel