Die Gründungsjahre

Erin­ne­run­gen an die Grün­dungs­jahre von Dr. Wal­ter Rinke, Grün­dungs­mit­glied der Lands­man­schaft Schle­sien und Bun­des­vor­sit­zen­der 1950–1954 (nie­der­ge­schrie­ben 1979)

Die Wiege unse­rer Lands­mann­schaft stand in Bay­ern. Im Jahre 1946 wurde in Mün­chen die „Ver­ei­ni­gung der Schle­sier” gegrün­det, die sich aus einer Reihe bekann­ter schle­si­scher Per­sön­lich­kei­ten zusam­men­setzte: Staats­se­kre­tär Jae­ni­cke, Lan­des­haupt­mann a. D. Woschek, Prä­si­dent Dr. Men­zel, Lan­des­rat a. D. Dr. Haen­sel, Rechts­an­walt Dr. Mücke, Kon­sis­to­ri­al­rat Dr. Kap­sund Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter Weid­ner. Die kon­sti­tu­ie­rende Ver­samm­lung wählte mich zum 1. Vor­sit­zen­den. Lei­der ver­sagte die Mili­tär­re­gie­rung, wie auch ande­ren Vertriebenen-Zusammenschlüssen, aus grund­sätz­li­chen Erwä­gun­gen die Lizen­zie­rung. Man glaubte, damit die Ein­glie­de­rung för­dern zu kön­nen. Trotz­dem nah­men wir unsere Arbeit, so gut es ging, auf, um die schle­si­schen Inter­es­sen in die­ser schick­sals­schwe­ren Zeit im Rah­men des Mög­li­chen zu ver­tre­ten; wir ver­faß­ten eine Denk­schrift, die  sich mit der völ­ker­recht­li­chen Situa­tion Schle­si­ens und mit sei­ner Geschichte befaßte. Diese Denk­schrift lei­te­ten wir in eng­li­scher und fran­zö­si­scher Über­set­zung den west­li­chen Besat­zungs­mäch­ten zu. 

Der Start­schuß für den orga­ni­sa­to­ri­schen Zusam­men­schluß der Schle­sier war die berühmte Rede des dama­li­gen US-Außenministers Byr­nes vom 6. Sep­tem­ber 1946, in der offi­zi­ell und unmiß­ver­ständ­lich erklärt wurde, daß die Rege­lung der deut­schen Ost­grenze, ent­spre­chend den Pots­da­mer Beschlüs­sen, erst im Zuge eines Frie­dens­ver­tra­ges erfol­gen könne; bis dahin gel­ten die Gren­zen von 1937. In die­sem Zusam­men­hang warnte Byr­nes vor einer unge­rech­ten Grenz­zie­hung; denn — so erklärte er — nur eine gerechte Grenze sei auch eine dau­er­hafte Grenze. Ähn­li­che Gedan­ken­gänge wie Byr­nes ver­trat auch sein Nach­fol­ger, Außen­mi­nis­ter Mar­shall, auf der Mos­kauer und Lon­do­ner Kon­fe­renz 1947.

Ende 1948, als man den Lizen­zie­rungs­zwang lockerte, wurde aus der„Vereinigung der Schle­sier” der „Schle­sier­ver­band Bay­ern”, die Dach­or­ga­ni­sa­tion der inzwi­schen in Bay­ern gegrün­de­ten oder in der Grün­dung begrif­fe­nen Schle­sier­ver­eine. Der Schle­sier­ver­band Bay­ern, der sich spä­ter „Lands­mann­schaft Schle­sien, Lan­des­ver­band Bay­ern” nannte, war also die Spit­zen­ver­tre­tung der etwa 500.000 Schle­sier im Frei­staat Bay­ern. Auf Vor­schlag von Staats­se­kre­tär Jae­ni­cke wählte man mich wie­derum zum 1. Vor­sit­zen­den. Der in den Sat­zun­gen nie­der­ge­legte Auf­ga­ben­kreis des Ver­ban­des erstreckte sich in ers­ter Linie auf die „För­de­rung der lands­mann­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und sons­ti­gen Belange der Schle­sier”, unter Wah­rung strik­ter par­tei­po­li­ti­scher und kon­fes­sio­nel­ler Neu­tra­li­tät. Der baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent begrüßte die Grün­dung unse­res Ver­ban­des mit fol­gen­dem Schrei­ben: „Sehr geehr­ter Herr Minis­te­ri­al­rat! Aus Ihrem Schrei­ben vom 22. Novem­ber 1948 habe ich mit leb­haf­ter Befrie­di­gung ent­nom­men, daß die landsmannschaftlich-kulturelle Zusam­men­fas­sung der Schle­sier in Bay­ern wei­tere Fort­schritte gemacht hat und nun ein Schle­sier­ver­band Bay­ern gebil­det wor­den ist. Ich bin davon über­zeugt, daß die Pflege der Hei­mat­liebe und der kul­tu­rel­len Eigen­art der Schle­sier außer­or­dent­lich wert­voll und geeig­net ist, das Ver­ständ­nis der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung für die Beson­der­hei­ten der schle­si­schen Neu­bür­ger zu för­dern. Mei­nes Erach­tens kann ein Aus­gleich der viel­leicht noch beste­hen­den Rei­bun­gen und Miß­ver­ständ­nisse nur dann erzielt wer­den, wenn sich Ein­hei­mi­sche und Flücht­linge der gegen­sei­ti­gen Eigen­art bewußt sind und Ver­ständ­nis für Geschichte und Kul­tur des ande­ren Tei­les haben. Ich bin gerne bereit, für den neu­ge­grün­de­ten Schle­sier­ver­band Bay­ern die Schirm­herr­schaft zu über­neh­men und danke Ihnen für das mir bewie­sene Ver­trauen. In vor­züg­li­cher Hoch­ach­tung Dr. Ehard Baye­ri­scher Ministerpräsident.” 

Im Zuge der Grün­dung des Schle­sier­ver­ban­des Bay­ern, von der die baye­ri­sche Presse sehr posi­tiv Notiz nahm, ent­fal­te­ten die Schle­sier, und zwar nicht nur in Bay­ern, eine rege Orga­ni­sa­ti­ons– und Ver­samm­lungs­tä­tig­keit. In zahl­rei­chen über­füll­ten Kund­ge­bun­gen, z. B. in Regens­burg, wurde neben einer gleich­be­rech­tig­ten und zügi­gen Ein­glie­de­rung der Ver­trie­be­nen immer wie­der das Recht auf die ange­stammte Hei­mat, die seit mehr als 700 Jah­ren zu Deutsch­land gehört, gefor­dert. Die am stärks­ten besuchte Ver­an­stal­tung die­ser Zeit fand 1949 im tra­di­ti­ons­rei­chen Mün­che­ner Prinz­re­gen­ten­thea­ter statt. Der Saal und die Foy­ers waren schon lange vor Beginn über­füllt. Der Hin­ter­grund der Bühne wurde durch eine rie­sige Land­karte von Schle­sien, die Regens­bur­ger Lands­leute in mühe­vol­ler Arbeit her­ge­stellt hat­ten, aus­ge­füllt. Vor die­ser Karte saßen neben den Vor­stands­mit­glie­dern als pro­mi­nente Ehren­gäste, der Schirm­herr des Ver­ban­des, Minis­ter­prä­si­dent Dr. Ehard, der spä­tere Bun­des­mi­nis­ter Dr. Luka­schek, Reichstags-präsident a. D. Paul Lobe, Staats­se­kre­tär Jae­ni­cke und meh­rere andere Mit­glie­der der baye­ri­schen Staats­re­gie­rung. Die Mün­che­ner Phil­har­mo­ni­ker eröff­ne­ten die Kund­ge­bung mit der Egmont-Ouvertüre. Sämt­li­che Red­ner des Tages (Minis­ter­prä­si­dent Dr. Ehard, Dr. Luka­schek, Paul Lobe und der Lan­des­vor­sit­zende) appel­lier­ten unter stür­mi­schem Bei­fall an das Recht, vor allem an das ver­briefte Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker sowie an das unver­äu­ßer­li­che Men­schen­recht auf die Hei­mat und for­der­ten eine euro­päi­sche Lösung des Pro­blems der deut­schen Ost­grenze. Sel­ten noch wurde das Schlesier-Lied mit sol­cher Inbrunst gesun­gen wie am Schluß die­ser ein­drucks­vol­len Kundgebung. 

Der „Schle­sier­ver­band Bay­ern” wurde Modell für den Auf– und Aus­bau der meis­ten ande­ren Lan­des­ver­bände. Anfang 1950 war es dann soweit, daß die Vor­sit­zen­den der ein­zel­nen Lan­des­ver­bände zur Grün­dung der „Lands­mann­schaft Schle­sien für das Bun­des­ge­biet Deutsch­land und Ber­lin” ein­ge­la­den wer­den konn­ten. Am 26. März 1950 fand die kon­sti­tu­ie­rende Sit­zung im Bundesvertriebenen-Ministerium in Bonn statt. Die dort beschlos­sene Sat­zung deckte sich im all­ge­mei­nen mit der Sat­zung des Lan­des­ver­ban­des Bay­ern, nur daß nicht die Orts­grup­pen, son­dern die 10 Lan­des­ver­bände Mit­glie­der des zen­tra­len Ver­ban­des waren. Damit hat­ten wir nun die umfas­sende Spit­zen­or­ga­ni­sa­tion für die Schle­sier der Bun­des­re­pu­blik und Ber­lin und die not­wen­dige breite Basis für unsere hei­mat­po­li­ti­sche Arbeit. Auf Vor­schlag von Prä­si­dent Dr. Men­zel wählte mich die Gründungsver-sammlung zu ihrem 1. Bun­des­vor­sit­zen­den. Stell­ver­tre­ter wur­den Prä­si­dent Dr. Men­zel, Mün­chen, und Herr Her­forth, Han­no­ver; Schrift­füh­rer HerrT­schau­ner, Hamburg-Bergedorf, und Kas­sen­füh­rer Herr ligner aus Cham. Fer­ner beschlos­sen die Dele­gier­ten im Okto­ber 1950 ein Bun­des­tref­fen, die soge­nannte Schle­si­sche Hei­mat­wo­che, in Köln zu ver­an­stal­ten, die ein neuer Höhe­punkt unse­rer landsmann-schaftlichen Arbeit wer­den sollte. Sie stand unter dem Leit­wort „Schle­sien mel­det sich zu Wort” und wurde von mehr als 150.000 Lands­leu­ten besucht. 

Wir sind stolz dar­auf, als erste ost­deut­sche Lands­mann­schaft mit einer so impo­san­ten Kund­ge­bung auf Bun­des­ebene an die Öffent­lich­keit getre­ten zu sein. Das Echo war daher auch ent­spre­chend stark und posi­tiv. Die Mauer des ver­krampf­ten Schwei­gens war end­lich durch-brochen; nie­mand konnte uns und unsere wohl­be­grün­de­ten For­de­run­gen mehr über­hö­ren. Die Umwelt erkannte, daß der Stamm der Schle­sier nicht erlo­schen ist, daß er lebt und trotz aller Ver­luste an Gut und Blut nicht zu kapi­tu­lie­ren bereit ist, son­dern den Kampf um die ange­stammte Hei­mat auf­ge­nom­men hat. Köln 1950 war dar­über hin­aus die erste große Wie­der­se­hens­feier der in alle Welt ver­streu­ten schle­si­schen Heimatfamilie.  

Nie­mand, der dabei war, wird die vie­len rüh­ren­den Sze­nen, trau­rige und freu­dige, die sich in die­sen Tagen in Köln abspiel­ten, aus sei­ner Erin­ne­rung ver­drän­gen kön­nen. Die Red­ner der ver­schie­de­nen Ein­zel­ver­an­stal­tun­gen waren Bun­des­mi­nis­ter Kai­ser, Bun­des­mi­nis­ter Dr. Luka­schek, Minis­ter­prä­si­dent Arnold, Geheim­rat Pro­fes­sor Dr. Hel­fritz, Schul­rat Scho­drok, Rechts­an­walt Him­mel und der Bun­des­vor­sit­zende. In Köln wurde die „Charta der deut­schen Hei­mat­ver­trie­be­nen”, die­ses bedeu­tende his­to­ri­sche Mani­fest, in dem sämt­li­che Vertriebenen-verbände fei­er­lich und unein­ge­schränkt auf jede Art von Haß, Rache und Ver­gel­tung Ver­zicht leis­te­ten und ihre fried­li­chen Ziele ver­kün­de­ten, gebilligt.

Das nächste Bun­des­tref­fen fand 1951 in Mün­chen statt. Es stand unter der Devise:  „Schle­sien, eine gesamt­deut­sche Ver­pflich­tung” und wurde vom Schle­sier­ver­ein Mün­chen unter sei­nem rüh­ri­gen Vor­sit­zen­den Dr. Hupka orga­ni­siert. Auch diese Ver­an­stal­tung, durch die wir das deut­sche Volk an seine nicht nur im Grund­ge­setz ver­an­kerte gesamt­deut­sche Ver­pflich­tung auch dem alten deut­schen Stamm­land Schle­sien gegen­über erin­ner­ten, erzielte eine außer­or­dent­lich große Brei­ten­wir­kung und leb­hafte Zustim­mung, nicht nur bei den Ver­trie­be­nen. Als Gäste konn­ten wir den baye­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Dr. Ehard, den nie­der­säch­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Kopf (des­sen Land 1951 die Paten­schaft über die Lands­mann­schaft Schle­sien über­nahm), Bun­des­mi­nis­ter Dr. Luka­schek, den Prä­si­den­ten des Baye­ri­schen Land­tags, Dr. Hund­ham­mer, Staats­se­kre­tär a. D. Jae­ni­cke, Prinz Oskar von Preu­ßen, Mar­ga­rete Haupt­mann, die Witwe des schle­si­schen Dich­ters Ger­hart Haupt­mann, Ober­bür­ger­meis­ter a. D. Kaschny (frü­her Rati­bor) und viele andere bekannte Per­sön­lich­kei­ten begrü­ßen. Die Dele­gier­ten­ver­samm­lung die­ses zwei­ten Bun­des­tref­fens beschloß, die Bun­des­ge­schäfts­stelle von Mün­chen nach Bonn zu ver­le­gen. Die Zahl der Lan­des­ver­bände hatte sich inzwi­schen auf 12 erhöht; der Gesamtmit-gliederbestand betrug 300.000 (Familienmitgliedschaft).

Der Auf­ga­ben­kreis der Lands­mann­schaft wurde stän­dig erwei­tert. Unsere wich­tigste Auf­gabe blieb aber nach wie vor, unsere Rechts­an­sprü­che auf die Hei­mat unbe­irr­bar mit allen uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den fried­li­chen Mit­teln­zu­ver­tre­ten und nicht müde darin zu wer­den, das In– und Aus­land auf die Wie­der­gut­ma­chung des uns zuge­füg­ten unge­heu­ren Kol­lek­tiv­ver­bre­chens gegen die Mensch­lich­keit und gegen das Völ­ker­recht hinzuweisen. 

Dr. Wal­ter Rinke